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Ideologie TitelNummer 4        

Die Ideologie des bürgerlichen Geistes
in seiner
Historiographie

Am Beispiel von Götz Aly:
Wie konnte das geschehen?
Deutschland 1933 - 1945

Götz Aly hat ein bemerkenswertes Buch geschrieben. Er konzentriert sich – legitimerweise – auf die Stimmung in der deutschen Bevölkerung, die den deutschen Faschismus an die Macht gebracht hat und seine ungeheuren Verbrechen ermöglichte. Es kann nicht meine Aufgabe sein, 683 Seiten in einer Rezension zusammenzufassen. Dazu zumindest einige Stichworte unten. Aber die philosophischen Implikationen, seine implizite Geschichtsphilosophie und seine gesellschaftstheoretischen Voraussetzungen muss von der kritischen Philosophie her entgegnet werden, weil diese Auffassung von Aly einen großen Teil der historischen Zunft betrifft und falsche Schlussfolgerungen daraus folgen.
   Zunächst zur Kritik an denjenigen, die den Faschismus geduldet haben, und den Mitläufern, ein System, das Aly Hitlerdeutschland oder Nationalsozialismus nennt. Er schreibt: „Gut ausgebildete Musiker und Juristen wurden ebenso zu Massenmördern wie Polizisten, Büroangestellte, Bauern, Fach- oder Hilfsarbeiter.“ (Aly: Wie konnte das geschehen? S. 15) Und weiter heißt es auf derselben Seite: „Die Stillen, die Harmlosen, die fünfzig- oder achtzigprozentigen Unterstützer bildeten den Boden, auf dem die Politik der Lügen und des Aufrüstens gedieh. Die mit Hilfe ungedeckter Kredite errichteten Prunk- und Zweckbauten sowie die gleichfalls ohne solide finanzielle Grundlage ausgestreuten sozialen Wohltaten wirkten schnell integrativ.“ (Ebd.) Besonders interessant empfand der Rezensent die Kurzbiographien unter dem Motto „Warum ich Nationalsozialist wurde“ (S. 89 ff.). Auch das Verhalten von Gewerkschaftsführern, die sich ohne größeren Widerstand in die faschistische Arbeitsfront als Gewerkschaftsersatz mit Gleichschaltung der Arbeitenden eingliedern ließen (S. 141 ff.). Erwähnenswert ist außerdem, wie viele Deutsche von der Vertreibung und Ermordung der Juden profitiert haben, indem sie deren Wohnungen und Möbel bekamen und mit sozialen Leistungen vom Vermögen der Juden moralisch korrumpiert wurden, der Vernichtung ihrer jüdischen Mitmenschen keinen Widerstand entgegensetzten. Vieles, was Götz Aly darstellt, war im Allgemeinen bekannt, wichtige Aspekte zur Vertiefung der Problematik werden von ihm jedoch aus ideologischen Gründen nicht thematisiert. Der Widerstand kommt kaum vor, bei der „Weißen Rose“ wird deren vorherige Verstrickung in Nazi-Organisationen betont.
   Aly gibt einen amerikanischen Humanwissenschaftler wieder: „Du Bois konstatierte nach dreieinhalb Jahren Nationalsozialismus, mittlerweile würden neun von zehn Deutschen Hitler unterstützen. Doch habe das für sie selbst etwas Unheimliches. Es sei, so Zu Bois, ein merkwürdiges Deutschland entstanden – ‚schweigsam, nervös und bedrückt‘, nur im Flüsterton sprechend.“ (A. a. O., S. 20)
   Was also trieb die Deutschen an, Hitler zu wählen (März 1933: 43,9 %, S. 118; zusammen mit den Reaktionären der DNVP Hugenbergs ergab das eine Mehrheit im Reichstag), sich in sein neues Gesellschaftssystem einzureihen und an seinen Massenverbrechen teilzunehmen oder diese doch wenigstens zu dulden? Anhand eines Bildes von Otto Dix zählt Aly die moralischen Schwächen („Todsünden“) der Deutschen auf. Der Begriff der „Todsünde“ geht auf die katholische Kirche zurück und wurde vor Dix bildlich analog zu Hieronymus Bosch (um 1450-1516) dargestellt.
   Typisch für Aly ist das Moralisieren, d. i. die Anlegung eines abstrakten Maßstabes an das Verhalten der Menschen, ohne die historischen Bedingungen der Moral und des Verhaltens einzubeziehen, also eine abstrakte Kritik zu üben, auch wenn er an anderen Stellen auch sozialpsychologische Gründe für das Verhalten der Deutschen nennt. Maßstab seiner moralisierenden Kritik sind ihm u. a. die sieben Todsünden der katholischen Kirche: Wollust (Luxuria), Völlerei (Gula), Hochmut (Superbia), gedankliche Trägheit (Accidia), Geiz (Avaritia), Zorn (Ira) und vor allem Neid als „Sozialneid auf die geistig und wirtschaftlich schnell voranstürmenden Juden“ (S. 23). Aly schreibt:
   „Wir werden noch sehen, welche politische Rolle die Wutbürger und die ewigen Neidhammel in Hitlerdeutschland spielten, die schulterzuckenden, trägen Opportunisten, die Raffgierigen, die Hochmütigen, die für jede Bestechung empfänglichen Geizhälse und diejenigen, die den kurzen Freuden militärisch-siegesgewisser Adrenalinausschüttungen und anschließender Besuche im Landserbordell zugetan waren. Selbstverständlich mischten sich die von der NS-Führung zielsicher als Lockmittel genutzten sieben Hauptsünden in jedem einzelnen Deutschen ganz unterschiedlich.“ (S. 22)
   Aus diesem mittelalterlichen moralischen Maßstab, den die katholische Kirche bis heute vertritt, folgt keine rationale Kritik. Abgesehen von den moralisierenden vermieften Lastern wird völlig von den gesellschaftlichen Verhältnissen, die moralisches Verhalten bedingen, abgesehen – dadurch erklärt dieser Maßstab nichts, eine rationale Kritik an den Verhaltensweisen ist so nicht möglich.
   Die Todsünde „Wollust“ beruht auf einer Technik der kirchlichen Macht, um die Menschen zu beherrschen. (Vgl. Gaßmann: Das Elend mit der Religion, Kap. Sexualität) In einer Zeit, in welcher der Kapitalismus ständig zum Konsum anstacheln muss, um seine Waren an die Leute zu bringen, hat „Völlerei“ als zu kritisierende Laster keine moralische Bedeutung mehr. Dieses angebliche Laster ist bestenfalls ein medizinisches Problem, um krankhaftes Übergewicht zu vermeiden. Als Sexuelles ist Wollust ein Adiaphora (moralisch neutral), wenn es im Einvernehmen geschieht; bei Bordellbesuchen ist nicht die Wollust das Problem, sondern das unmoralische zum bloßen Mittel machen der Prostituierten. Aber auch die Lohnabhängigen allgemein werden zum bloßen Mittel der Mehrwertproduktion gemacht, ein Sachverhalt, den Aly nicht kritisiert und der nur beseitigt werden kann durch die Abschaffung der kapitalistischen Produktionsweise.
   Auch Neid und Geiz sind heute weniger individuelle Laster, sondern Teil des vorherrschenden Sozialcharakters des Bürgers. Wenn der existenzielle Zwang besteht, das eigene Kapital zu akkumulieren, sich also vom eigenen Konsum zu enthalten, dann wird das mittelalterliche Laster Geiz zur Tugend in der kapitalistischen Ökonomie.
   „In den historischen Anfängen der kapitalistischen Produktionsweise – und jeder kapitalistische Parvenü macht dies historische Stadium individuell durch – herrschen Bereicherungstrieb und Geiz als absolute Leidenschaften vor.“ (Marx: K I, S. 620)
   Zugleich wird der Luxus oder die „Völlerei“ ab einer gewissen Höhe des Einkommens zur praktischen Notwendigkeit der Eigentümer:
   „Auf einer gewissen Entwicklungshöhe wird ein konventioneller Grad von Verschwendung, die zugleich Schaustellung des Reichtums und daher Kreditmittel ist, sogar zu einer Geschäftsnotwendigkeit des ‚unglücklichen‘ Kapitalisten.“ (Ebd.)
   Die kapitalistische Marktwirtschaft beruht nicht nur auf dem Konkurrenzkampf der Kapitalisten untereinander, sondern dieser wirkt ubiquitär. Er wird künstlich angeheizt unter den Managern und auch unter den Lohnabhängigen allgemein. Neid auf den Konkurrenten, Zorn auf besser behandelte, Hochmut gegenüber Untergebenen oder Minderbemittelte und Zukurzgekommene sind typische Verhaltensweisen in diesem Hauen und Stechen der bürgerlich sozialisierten Menschen. Die bloß abstrakte moralisierende Kritik, noch dazu an den mittelalterlichen Lastern gemessen, verkennt gerade das Spezifische der Anpassung an die faschistische Bewegung und spätere Nazi-Gesellschaft, wie es etwa die sozialpsychoanalytischen Studien im Anschluss an Freud durch die Kritische Theorie versucht wurde herauszufinden. (Vgl. „Studien über Autorität und Familie“) Ohne diese sozialpsychoanalytischen Einsichten bleibt auch die richtige Beobachtung der „gedanklichen Trägheit“ und des später dargestellten „Opportunismus“ der Menschen an der Oberfläche. Gerade die kritischen Psychoanalytiker haben sich die Frage gestellt, warum die Arbeitenden sich gegen ihre offensichtlichen Interessen ihren Klassengegnern bzw. deren Politiker emotional und stimmungsmäßig anschlossen. Selbst ein Hinweis auf diese historischen Studien fehlt bei Aly, obwohl sie doch zu seinem Thema gehören.
   Moral hat in der bürgerlichen Gesellschaft immer auch die affirmative Funktion, die Antagonismen zu überbrücken und ein Zusammenleben trotz Ausbeutung der Lohnabhängigen zu ermöglichen. Die ethische Reflexion und Begründung der Moral hat aber durchaus einen Fortschritt gebracht, der in der kantischen Vernunftmoral mündet. Tugenden und Laster sind dagegen feste moralische Eigenschaften der derart sozialisierten Menschen, die für statische Gesellschaften angebracht sind. Sie stabilisieren das Herrschaftssystem und versuchen ein friedliches Zusammenleben in der Ständegesellschaft zu gewährleisten, sowohl innerhalb der Stände wie zwischen ihnen. (Stände in weiterer Bedeutung als im Mittelalter.) In der dynamischen Klassengesellschaft werden sie – wenn überhaupt – je nach Zweck zu sekundären Verhaltensweisen reduziert. Kant hat deshalb ein allgemeines Moralprinzip aufgestellt, das jedoch nicht durchgängig gelebt werden kann wegen der Antagonismen in der Klassengesellschaft.
   Ein weiterer gravierender Fehler von Aly liegt in der Darstellung des Opportunismus von großen Teilen der Arbeiterklasse vor. Wenn 1933 im März bei noch einigermaßen freien Wahlen 43,9 % die NSDAP gewählt haben, dann müssen auch beträchtliche Teile der Arbeiterklasse für sie gestimmt haben. Aly nennt das Phänomen, gibt aber außer einer moralischen Verurteilung keine Erklärung dafür ab. Dass bürgerlich oder gar religiös geprägte Menschen auf die faschistische Irrationalismen hereinfallen, wenn die kapitalistische Ökonomie in eine längere Krise gerät, ein Weltkrieg verheerende Folgen hat, in der Nachkriegszeit Elend herrscht, das kleinere Bürgertum ein Abrutschen ins Proletariat droht usw., das ist im Nachhinein verstehbar, wenn auch nicht für den Verstand des Analytikers akzeptabel. Dass aber auch die Lohnabhängigen als Facharbeiter, kleine Angestellten und als Hilfsarbeiter massenhaft, wenn auch nicht in ihrer Mehrheit, die Faschisten gewählt haben, gar sich ihnen aktiv anschlossen, bedarf nicht nur einer moralischen Bewertung, sondern einer Erklärung, denn sie handelten gegen ihre existenziellen Interessen.
   Ein Arbeiter kann nur leben, wenn er in einer Tauschgesellschaft etwas anbieten kann. Durch die ursprüngliche Akkumulation des Kapitals ist er aber von allen Produktionsmitteln enteignet worden. Er hat auf dem Markt nur sich selbst, seine Arbeitskraft, die er verkaufen kann, um gegen den Lohn dafür seine Lebensmittel eintauschen zu können: Essen, Kleidung, Wohnung, Auto, Urlaubsfahrten usw., was ihm dem historischen Stand des Lohnniveaus gemäß zusteht. Er ist bei aller persönlichen Freiheit mit Marx zu sprechen „Zubehör des Kapitals“, denn diese Freiheit ist nur „Schein“, er kann sie nur nutzen durch seinen Selbstverkauf, der durch den Wechsel der Lohnherren nichts an der Abhängigkeit vom Kapital insgesamt ändert. (Vgl. Marx: K I, S. 598 ff.) Da der Wert seiner Arbeitskraft als Lohn geringer ist als der Wert, den er produziert, liefert er dem Kapital einen Mehrwert ab, den sich die Eigentümer kostenlos aneignen. Dadurch wächst der Reichtum auf der Kapitalseite geometrisch, während die Arbeitenden bestenfalls geringe Lohnerhöhungen durchsetzen können. Die Lohnarbeitenden werden immer abhängiger von der ökonomischen Macht des Kapitals, das versucht sie auch geistig und politisch zu beherrschen, weil es die Mittel dazu hat. Das Kapital bzw. seine Politiker und Ideologen entwickeln einen affirmativen Geist, weil sie ihre Ideologeme massenhaft verbreiten können. Ziel ihrer Herrschaft ist heute die Errichtung einer Plutokratie (wie in den USA), evtl. sogar einer Oligarchie oder einer faschistischen Diktatur, die als prokapitalistische Gewaltherrschaft an keine bürgerlichen Gesetze mehr gebunden ist. (Vgl. Füllberth, in: konkret 8/26, S. 12)
   In ihrer existenziellen Situation haben die Lohnabhängigen nur zwei Alternativen: Entweder sie passen sich an, nehmen ihr ökonomisches Dasein hin und übernehmen bürgerliche Ideologien, d. h. Identifikation mit dem Klassenkontrahent, der Bourgeoisie. Das Resultat dieser Anpassung ist die verewigte Abhängigkeit vom Kapital bis hin zum Gebrauch als Menschenmaterial für die imperialistischen Kriege, in denen sie massenhaft abgeschlachtet werden oder als Zivilisten im Bombenkrieg krepieren. (Beispiel war der I. Weltkrieg, und dann wird es der imperialistische II. Weltkrieg sein).
   Die andere Alternative ist die Vorbereitung einer Revolution mit dem Zweck, den Kapitalismus abzuschaffen, das Kapital zu vergesellschaften und die Produktion für das Leben selbst in die Hand zu nehmen und zu kontrollieren. Wenn Marx und Engels im „Manifest“ schreiben: Der Untergang der Bourgeoisie „und der Sieg des Proletariats sind gleich unvermeidlich“, und Marx zitiert diese Sätze im „Kapital“ zustimmend (K I, S. 791, Anm. 252), dann hat diese Aussage nicht nur eine agitatorische Bedeutung, sie schafft auch die Illusion, die revolutionäre Arbeiterklasse sei auf der richtigen Seite der Geschichte, die Umwandlung der Klassengesellschaft mit ihren unbeherrschbaren Zwängen in eine vernünftig organisierte  Gesellschaft sei ein historischer Automatismus, dem man sich bloß anschließen müsse, so dass er eintritt. Eine solche deterministische Auffassung, die dann im „Stalinismus“ Parteidoktrin wurde, vergisst das subjektive Moment bei der Umwandlung der Gesellschaft – genau das Moment, das letztlich versagte, als es darauf ankam.
   In der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts hatte die Arbeiterbewegung an Macht gewonnen, Massen von Arbeitern hinter sich versammelt. Sie hatten ein revolutionäres Programm und waren an der marxschen Theorie geschult. Doch tatsächlich waren sie weitgehend vom Opportunismus geprägt.
   „Bei den Führern der Arbeiterbewegung bestand kein Zweifel darüber, daß die herrschende Klasse nicht kampflos ihre Führungspositionen aufgeben und jede revolutionäre Kampfpolitik mit der Zerschlagung der Arbeiterbewegung beantworten würde. So begründet diese Auffassung einerseits war, so sehr bedeutete sie andererseits eine Unterschätzung der eigenen Machtstellung. Kein Wunder also, wenn kritische zeitgenössische Beobachter der sozialistischen Arbeiterbewegung statt der offenbar erwarteten Revolutionäre ‚gute, zufriedene und satte Spießbürger‘ (Hervé), einen ‚äußerst kleinbürgerlichen Habitus‘ und ‚behäbige Gastwirtsgesichter‘ (Max Weber) vorfanden.“ (Grebing: Geschichte der deutschen Arbeiterbewegung, S. 114 f.) Auch die Arbeiter selbst waren kaum kämpferisch. „Als hemmend für eine konsequente Ausnutzung der allmählich erworbenen Machtstellung erwies sich auch die unrevolutionäre Mentalität der Parteianhänger; sie wären den Anforderungen einer revolutionären Aktivität gegen die bestehende Staats- und Gesellschaftsordnung nicht gewachsen gewesen.“ (A. a. O., S. 114)
   Und Walter Benjamin schreibt im Rückblick: „Der Konformismus, der von Anfang an in der Sozialdemokratie heimisch gewesen ist, haftet nicht nur an ihrer politischen Taktik, sondern auch an ihren ökonomischen Vorstellungen. Er ist eine Ursache des späteren Zusammenbruchs. Es gibt nichts, was die deutsche Arbeiterschaft in dem Grade korrumpiert hat wie die Meinung, sie schwimme mit dem Strom.“ (Benjamin: Über den Begriff der Geschichte, S. 698)
   Das Resultat dieser Bequemlichkeit der Masse der Anhänger der SPD und ihrer opportunistischen Funktionäre war die Zustimmung zu den Kriegskrediten 1914 und damit zum Krieg gegen die Genossen der Internationale, denen man versprochen hatte, den Krieg zu verhindern. 1918/19 ließen SPD-Minister auf revolutionäre Arbeiter schießen. In den Zwanziger Jahren spielte die Sozialdemokratie den „Arzt am Krankenbett des Kapitalismus“, die KPD spaltete sich ab und unterwarf sich den Interessen der neuen Herrschaftsform „Stalinismus“. Und 1959 bekannte sich die SPD offen zur kapitalistischen Marktwirtschaft – bis schließlich der SPD-Kanzler Schroeder als Kanzler der Bosse galt und neoliberale Reformen durchsetzte, welche die Lohnabhängigen schädigte.
   Der Verrat an der revolutionären Arbeiterbewegung 1914 war das Schlüsselereignis, das bei den Massen der Lohnabhängigen zur Resignation, Anpassung an das kapitalistische System und daraus folgend für eine große Masse der Arbeiter zur äußeren und auch inneren Zustimmung zum Faschismus führte, der in Deutschland „Nationalsozialismus“ hieß. Wenn bei den letzten einigermaßen freien Wahlen im März 1933 die NSDAP fast 44 % der Stimmen bekam, dann müssen statistisch auch große Teile der Arbeiterklasse für die deutschen Faschisten gestimmt haben.
   Götz Aly breitet diese Zustimmung bis ins Detail aus, allerdings ohne auf die von mir angeführten Hintergründe einzugehen. Das macht er aus ideologischen Gründen an der Aufrechterhaltung der heute bestehenden ökonomischen Ordnung, die den Faschismus doch erst hervorgebracht hat. Sein Herumwühlen in den Phänomenen hat auch den Zweck, die Kennzeichnung dieses „Hitlersystems“ geschichtsphilosophisch als Faschismus zu umgehen. Worin sich aber alle kritischen Analytiker dieser gewaltsamen Ordnung, die ihn noch erlebt haben, einig sind, ist der Zusammenhang von Faschismus und Kapitalismus. (Vgl. z. B. Sohn-Rethel: Ökonomie und Klassenstruktur des deutschen Faschismus) So ist die Einsicht von Horkheimer Standard der Analyse: „Wer aber vom Kapitalismus nicht reden will, sollte auch vom Faschismus schweigen.“ (Zitiert nach „Faschismus und Kapitalismus“, S. 5/7) Stattdessen watscht Aly Sozialphilosophen wie Adorno u. a. kritische Theoretiker ohne Argumente ab, wenn er schreibt, sie seien „jedoch den Marx’schen Grundideen verbunden“ geblieben – das ist Denunziation, aber keine Kritik. Tatsächlich haben Adorno und das Frankfurter Institut den autoritären Charakter der Arbeiter und des Kleinbürgertums psychoanalytisch untersucht. Das ist eine Analyse, die zum Thema von Aly gehört, die er aber ignoriert, weil ihm die ganze Intention, die dahinter steht, nicht in sein affirmatives Bewusstsein passt.
   Während frühere bürgerliche Ideologen sich aus Anleihen von allen möglichen affirmativen philosophischen Richtungen bedient haben, vertritt Götz Aly überhaupt keine theoretische oder philosophische Position mehr, auch keinen Eklektizismus, wie sonst üblich, sondern gibt sich theorielos. Da sein Text aber, ob er will oder nicht, theoretische Implikationen enthält, fällt er auf die vulgarisiertesten Reste falscher Philosophien herein. Es ist deshalb notwendig, auf den Begriff des Faschismus zu reflektieren, wenn man nicht hilflos auf die Gefahren, die in der kapitalistischen Gesellschaft liegen, hereinfallen will. Dem macht sich Aly aber schuldig, wenn er den Faschismus und auch seine Verhinderung allein an Einstellungen und ihre moralische Beurteilung festmacht – noch dazu ohne eine reflektierte Ethik zu haben.
    Geschichte ist weder determiniert noch besteht sie aus einer Ansammlung von bloßen Zufällen. Eine konsistente Faschismustheorie, noch dazu Länder übergreifend, ist deshalb unmöglich, wenn man Theorie in strenger Bedeutung zugrunde legt. Ist Theorie der Zusammenhang von notwendigen Urteilen über einen Gegenstandsbereich, der alle Erscheinungen zumindest prinzipiell erklären kann, dann ist eine Theorie über eine historische Epoche nicht möglich. Das darf aber nicht dazu führen, das Phänomen ‚Faschismus‘ bloß als eine Sammlung von Fakten anzusehen, deren Auswahl sich dem subjektiven und willkürlichen Empfinden und Vorurteilen („vorläufigen Urteilen“) des Analysierenden und Sammlers verdankt. In der kapitalistischen Gesellschaft wirken Mechanismen als allgemeine Gesetze, diese aber nur als vorherrschende Tendenzen.
   „Es ist überhaupt bei der ganzen kapitalistischen Produktion immer nur in einer sehr verwickelten und annähernden Weise, als nie festzustellender Durchschnitt ewiger Schwankungen, daß sich das allgemeine Gesetz als die beherrschende Tendenz durchsetzt.“ (Marx: K III, S. 171)
   Ohne eine solche allgemeine Tendenz zu reflektieren, versinkt man im unendlichen Chaos der Phänomene bzw. fällt auf den Schein, die schiefe Oberfläche der Erscheinungen, herein. Ein solch allgemeines Gesetz ist der Zwang, ständig die Produktivität zu erhöhen und das Kapital auszuweiten, um konkurrenzfähig zu bleiben. Dieser Zwang äußert sich in Form der permanenten Akkumulation des Kapitals und in der Konzentration und Zentralisation des Kapitals. Im Inneren der entwickelten kapitalistischen Gesellschaft bilden sich „Kapitalmagnaten“, deren Zahl beständig abnimmt (Marx: K I, S. 790). Diese Tendenz, die Marx schon beobachtete, hat sich am Ende des 19. Jahrhunderts und Anfang des 20. Jahrhunderts noch verstärkt und hält bis heute an. Kleinere Betriebe, falls sie im Konkurrenzkampf überleben, wurden als Zulieferer vom Großkapital abhängig. Allerdings führte diese Tendenz nicht zum „Monopolkapitalismus“, da der kapitalistische Staat als ideeller Gesamtkapitalist versucht, Monopole zu verhindern. Dennoch wird diese Funktion als ideeller Gesamtkapitalist des Staates auch von Kapitalmagnaten angegriffen, weil sie darin ein Hemmnis ihrer Akkumulation sehen. Das erklärt auch den „Primat der Politik über die Ökonomie“, der faschistischen Bewegungen eigen ist. Allerdings ist dieser Primat nicht neu, er ist auch systemimmanent, weil die kapitalistische Ökonomie nicht ohne das Gewaltmonopol des Staates existieren kann, wie wir spätestens seit Hobbes wissen.
   Außenpolitisch führt die Rivalität der nationalen Kapitale zur Aufteilung der Welt nach Kolonien und Einflusssphären, d. h. Imperialismus. Aus dieser allgemeinen Tendenz der kapitalistischen Produktionsweise folgt automatisch noch kein Faschismus, wie der Unterschied von England und den USA mit demokratischen Formen einerseits und den Staaten wie Italien, Spanien und Deutschland als faschistische Regime andererseits gezeigt hat. Hinzu kommt in den faschistischen Staaten die lange autoritäre Tradition und entsprechende Einstellungen. Hinzu kommt die Willkür und Kreativität der faschistischen Bewegung und ihrer Führer selbst. Die Besonderheit dieser Länder kann man nur empirisch konstatieren. Aber ohne die allgemeinen Gesetze sind diese Besonderheiten nicht begreifbar.
   Faschismus unterscheidet sich von Diktaturen einschließlich der absoluten Monarchie darin, dass sie auf den Zwängen, Krisen und imperialen Ziele der kapitalistischen Verhältnisse beruhen. Die Gesellschaft befindet sich in einem Ausnahmezustand bzw. dieser wird hergestellt, die Kapitalakkumulation ist gefährdet und verlangt nach einer verselbständigten Exekutive, die sich um einen Führer gruppiert, der seine Macht auf eine Partei mit Massenbasis stützt (Populismus). Sie dominiert auch die Bourgeoisie, indem sie zugleich deren Herrschaft absichert. Der faschistische Staat gibt sich als „Vermittler zwischen Bourgeoisie und Arbeiterklasse“, indem er den Staat auf äußere imperiale Ziele orientiert, ohne die Loyalität der Massen zu verlieren. Mittel der faschistischen Politik ist neben dem Führerkult die monopolisierte Massenpropaganda, soziale Zugeständnisse an das eigene Volk und emotionale Bindung an das Regime sowie gezielten Einsatz von Terror gegen Gegner des Regimes.
   Diese Begriffsbestimmungen mögen variieren, andere spezifische Merkmale hinzukommen wie das Freund-Feind-Schema, das sich im deutschen Faschismus als „Antisemitismus“ äußerte. Da der Faschismus eine Reaktion auf die Krisenerscheinungen des kapitalistischen Systems ist, kann er keine in sich stimmige Gesellschaftstheorie entwickeln. Seine „Weltanschauung“ ist deshalb inkonsistent und pragmatisch variabel, je nach den Bedürfnissen des Machterhalts. Grundlegend für alle Spielarten des Faschismus jedoch bleibt der Zusammenhang mit dem kapitalistischen System und seinen Krisen.
   Wenn Götz Aly Brecht variiert: „Der Schoß bleibt ewig fruchtbar doch, aus dem das von 1933 bis 1945 in Deutschland kroch“, dann verschweigt er bewusst dasjenige, aus dem das nach Brecht kroch, nämlich die kapitalistische Gesellschaft mit ihren Krisen.
   Götz Aly kritisiert die faschistische Macht, indem er ihre Anhänger moralisiert, ohne sich auf eine rationale Ethik zu beziehen. Wenn man aus ideologischen Gründen die Hauptursache des Faschismus nicht wahrhaben will, dann beruft man sich auch wieder auf die reaktionäre These von der Schlechtigkeit der menschlichen Natur, d. h. er anthropologisiert den Faschismus als das „Böse“ im Menschen. Zwar wiederhole sich die Geschichte „nicht eins zu eins“, aber solche „bestimmte menschliche Gemengelagen“ seien dem Menschen überhistorisch immanent.
   „Die Motive, eine bestimmte, auf ihre Art besondere Minderheit zum Vorteil einer Mehrheit zu diskriminieren und zu entrechten, waren weder geschichtlich neu, noch werden sie heute und in Zukunft verschwinden.“ (Aly, a. a. O., S. 674)
   Aly könnte sich auf Paulus berufen, der die angeborene Schlechtigkeit des Menschen betont, um sie zu christianisieren. Die „Juden und Griechen“, und das heißt alle Menschen, stehen „unter der Herrschaft der Sünde“, „es gibt keinen, der gerecht ist, auch nicht einen“ (Röm3, 9-19). Die Katholische Kirche hat aus dieser Sündhaftigkeit aller Menschen, theologisch überhöht als „Erbsünde“, eine Begründung für ihre Macht gesehen. Und in den letzten Jahrhunderten haben eilfertige Biologen einen Aggressionstrieb erfunden mit ähnlichen Intentionen. Auch Hitler hing dieser Ideologie an, wenn er das Freund-Feind-Schema bis zur ständigen Kriegsbereitschaft propagierte.
   Das ist selbst reaktionäre Ideologie, die auch von konservativen und reaktionären Biologen und Verhaltensforschern nach 1945 verbreitet wurde, um von den wahren Gründen des Faschismus und Imperialismus mit den beiden Weltkriegen abzulenken. Danach hat der Mensch einen angeborenen Aggressionstrieb, der sich äußern muss und nur durch moralische Anstrengung gezähmt oder durch die gewitztere Sublimierung im Zaum gehalten werden könne. Dieser Aggressionstrieb ist nicht zu verwechseln mit reaktiver Aggression, sondern er äußere sich biologisch notwendig. Diese These geht auf Freud zurück und ist nach dem II. Weltkrieg vor allem durch Konrad Lorenz, Alexander Mitscherlich und Eibl-Eibelsfeld vertreten worden. Die These vom Aggressionstrieb begeht einen naturalistischen Fehlschluss, indem sie von historisch singulären Erscheinungen und Fällen auf ein allgemeines Gesetz schließt, das durch andere Fälle konterkariert wird. Arno Plack schreibt dazu:
   „Ein allgemeinmenschliches Aggressionsbedürfnis (nicht zu verwechseln mit reaktiver Aggression) ist aber weder völkerkundlich noch aus der Summe individualpsychologischer Erfahrung zu belegen.“ (Plack: Der Mythos vom Aggressionstrieb, S. 22)
   Und über die Funktion dieser These schreibt er:
„Der zähe Glaube an eine uns angeerbte Aggressivität bietet im Verein mit der Möglichkeit genetischer Manipulation sittlich konservativen Gemütern Entlastung.“ (A. a. O., S. 23)
   Und weiter schreibt Plack: „Man leugnet den Symptomcharakter zwischenmenschlicher Aggression für einen Mißstand in der Triebstruktur unserer Gesellschaft." (S. 205)
   Für Götz Aly, der sich jeder Theorie, auf der seine Behauptungen beruhen, enthält, zieht aber die Konsequenzen der reaktionären Anhänger dieser Aggressionsthese: Wir sollen auf „bestimmte menschliche Gemengelagen“ achten, um Ähnlichkeiten wie in Deutschland 1933 ff. zu verhindern. (Aly, a. a. O., S. 674) Das ist ein Ausweichen des hilflosen Antifaschismus auf die Anthropologie des Menschen, der vom wahren Schoß, aus dem das kroch, abstrahiert und die Gefahr des Faschismus als ewig menschliche ideologisiert.
   Götz Aly lehnt bestimmte Begriffe ab, weil sie verbraucht seien. Damit nimmt er sein begriffliches Korsett, das ihn kleidet, gar nicht mehr als solches wahr. Seine Theorielosigkeit wird zur Anpassung an den Mainstream (der bürgerlich affirmativen Historiker). So lehnt er Begriffe wie „Faschismus“, „Totalitarismus“, „Ideologie“ und „Weltanschauung“ ab, weil sie das historische Phänomen „Hitlerdeutschland“ nicht genau treffen, sie sind zur Kennzeichnung des Gegenstandes der Untersuchung „untauglich“.
   „Die programmatischen Selbstbezeichnungen ‚völkisch‘ oder ‚nationalsozialistisch‘ bleiben auch dann analytisch hohl, wenn sie mit den Vokabeln Ideologie, Rassenideologie oder Weltanschauung kombiniert werden. Der Begriff Ideologie ist ebenfalls zum inhaltlich entleerten Schimpfwort herabgesunken; das ursprünglich unschuldige (?) Wort Weltanschauung, verstanden als möglichst komplexe Weltbetrachtung, hat Hitler zu einem Agitpropbegriff verhunzt, mit dem nichts mehr anzufangen ist.“ (Aly, a. a. O., S. 643)
   Staaten- und evtl. auch Epochen-übergreifende Begriffe werden verworfen und alles auf differenzierte, singuläre historische Fakten reduziert, bei deren Aufbereitung und Darstellung dann der Historiker sich kaprizieren kann und – wenn er Neues entdeckt oder eine neue Seite des bereits Bekannten –, dann seine Lorbeeren einheimsen darf. In Bezug auf „Hitlerdeutschland“, selbst bereits eine Reduktion auf einen Menschen, kann er dann warnen, dass es nicht noch mal oder ähnlich passiert.
   Doch diese Auffassung ist nicht nur wissenschaftstheoretisch problematisch, sondern auch eine falsche Sprachauffassung. Wenn Begriffe inflationär und mehrdeutig verwendet werden, dann sind sie „entleert“ – und der Autor, Soziologe und Historiker, kann einen neuen Begriff einführen, der kein übergreifendes Phänomen benennt. Das ist ein kruder Nominalismus, der den Leser hilflos zurücklässt, eine Warnung vor „Hitlerdeutschland“ ist müßig, weil sich in der Geschichte Gleiches nicht wiederholt – wie Aly selbst weiß. Was würde ein Physiker sagen, wenn man den Begriff der physikalischen Masse als „entleert“ bezeichnet, weil er ständig (falsch) benutzt wird. In den Geisteswissenschaften ist das anscheinend für Aly und Konsorten erlaubt. Rational sind Begriffe abzulehnen, wenn sie falsch oder ideologisch sind wie etwa „Weltanschauung“. Die Welt ist als Ganze nicht anschaubar, sondern nur mit Begriffen zu erkennen. Diese Kritik gilt auch dem Terminus von Aly „komplexe Weltanschauung“. Ebenso ist „Totalitarismus“ ein falscher Begriff, den Hannah Arendt verbreitet hat, weil er solche Herrschaftsgebilde wie Faschismus und monopolbürokratischer Kollektivismus („Stalinismus“) ideologisch motiviert gleichsetzt. (Vgl. Gaßmann: Hannah Arendt, S. 28 ff. u. „Faschismus und Kapitalismus“, S. 13 ff.) Im Übrigen waren auch diese Regime niemals „total“ in der Bedeutung der Gleichschaltung aller Bewusstseine der Menschen.
   „Ideologie“ dagegen ist in der Tradition, die auf den reifen Marx zurückgeht, ein genau bestimmter Begriff. Er bedeutet ein falsches Bewusstsein zur Herrschaftssicherung, das massenhaft aus den widersprüchlichen Erscheinungen der Klassengesellschaft hervorgeht, insoweit sozial vorherrschendes („notwendiges“) ist. Es ist keine Lüge, sondern sitzt auf dem (unbegriffenen) Schein der Gesellschaft auf, der nur analytisch entschleiert werden kann. Wenn heute in der bürgerlichen Öffentlichkeit jeder Gedanke, der die Akkumulation des Kapitals kritisiert, als Ideologie beschimpft wird wie etwa der Klimaschutz, Ausbeutung, der Verweis auf Antagonismen in der Gesellschaft usw., dann wird sich der Gesellschaftskritiker diesen Begriff nicht nehmen lassen und das Beschimpfen durch bürgerliche Schreiberlinge selbst als einen ideologischen Vorgang kennzeichnen. Insofern ist Götz Aly mit seinen theoretischen Voraussetzungen selbst ein bürgerlicher (affirmativer) Ideologe.
   Überhaupt reduziert sich diese Art Soziologie und Historiografie von Aly auf die Darstellung von Fakten, denen gegenteilige Fakten bequem entgegengehalten werden können. Wissenschaft jedoch, die nicht zwischen Wesen und Erscheinung unterscheidet, ist keine Wissenshaft – soviel sie auch Einzelheiten generieren kann. Erst in Bezug auf das Wesen einer Epoche haben Fakten mehr als sie selbst eine Bedeutung. So neigt die ungeheure Konzentration und Zentralisation des Kapitals zu illiberalen Politikformen und einen Imperialismus nach außen, vor allem wenn sie mit traditionellen autoritären Formen des Zusammenlebens verbunden sind. So war auch der „Nationalsozialismus“ nicht „National“, denn er hat durch seine Abenteuerpolitik Deutschland kaputt gemacht, und es war auch kein „Sozialismus“, weil er die Interessen des Großkapitals bedient hat. So war die Lösung der Krise des Kapitalismus in Spanien, Portugal, Italien und Deutschland eine faschistische Staatsform; in England, Frankreich und den USA eine „sozialdemokratische“ Krisenlösungsstrategie. Diese Differenzierung wird bei Aly zwar erwähnt, ihre ökonomische Grundlage aber wird kaum thematisiert (es sei denn als isolierte Fakten). Stattdessen wird der deutsche Faschismus – ohne ihn so zu nennen – moralisierend behandelt. Die Täter am Massenmord werden angeklagt „eiskalt und ohne Mitleid“ gemordet zu haben (S. 545), „sentimentale Erwägungen“ sollten bei ihnen keinen Platz haben (S. 550). Im Vergleich mit „Macbeth“ von Shakespeare spricht Aly von „Selbst- und Ruhmsucht, Mordlust und Vernichtungswut zu Orgien des Bösen“ der Täter (S. 637). Er vergisst aber hinzuzufügen, dass ein Minimum an Moral auch für die Täter notwendig ist, wenn sie untereinander und mit ihren Familien umgehen wollen. Himmler hat deshalb seine SS-Leute gelobt, dass sie nicht aus Mordlust töteten, sondern wie bürokratische Verwalter des Todes. (Vgl. Dokumente, S. 114)
   Ständig wiederholt Aly die Aufforderung der faschistischen Führung, sich „nicht von hergebrachten Moral- und Rechtsnormen irritieren zu lassen“ bei ihrem tödlichen Handwerk“ (S. 35). Er vergisst aber hinzuzufügen, dass diese Normen bei ihm selbst bereits die der Klassengesellschaft sind, also selbst ein unmoralisches Moment implizieren. Dabei unterstellt er richtig, dass die Handlungen der Nazis „von zweckrationalen Absichten geleitet sind“, also durch instrumentelle Vernunft, dass sie eine „Politik, die moralisch und rechtlich verwerflich ist“ (S. 365) bedeuten. Er vergisst aber hinzuzufügen, dass auch das bürgerliche Recht und seine Moral den Diebstahl des Mehrwerts von den Lohnabhängigen legalisiert und legitimiert. Insofern übertreiben die deutschen Faschisten nur dieses Recht, das bei Aly Maßstab ist.
   Hinter solches Herumwühlen im Phänomenalen steht der Husserlsche Phänomenalismus, der keine Unterscheidung von Wesen und Erscheinung mehr kennt, der das wissenschaftliche Denken verlassen hat und die notwendige Hervorhebung dessen, was darstellungswürdig ist, dem Gefühl des Autors und seiner zufälligen Intention überlässt, ein Historiker, der dann seine mehr oder weniger reflektierten Vorurteile als Kriterium der Auswahl einsetzt, Vorurteile, die sich aus seiner bürgerlichen Sozialisation ergeben, also per se affirmativ auf der bestehenden Gesellschaft beruhen. Solche Autoren wie Aly und andere viele Soziologen und Historiker müssen sich nicht der philosophischen (wissenschaftlichen) Implikationen ihrer Schreibe bewusst sein. Sie verfallen aber der philosophisch reflektierten Kritik. Die direkte Wirkung ihres Phänomenalismus, auf den sie sich einiges einbilden, ist die Negation jeder Art geschichtsphilosophischer Intention. Wenn zum deutschen Faschismus die Reflexion des Imperialismus gehört, der den Ersten Weltkrieg als tiefere Ursache zugrunde liegt, dann den Versailler Vertrag, den Erfolg des Hitlerfaschisten und schließlich deren Raubkrieg, genannt II. Weltkrieg, mit seinen Gräueln an der Zivilbevölkerung und sogenannten Fremdrassen, dann ist eine moralische Verurteilung der Terrorherrschaft der Faschisten nicht ausreichend, dann muss man die Systemfrage stellen im Sinne Horkheimers: „Wer nicht vom Kapitalismus reden will, der sollte vom Faschismus schweigen.“ Das gilt auch für heutige Erscheinungen der Plutokratie, der Oligarchie und der faschistischen Politik.

Literatur

Aly, Götz: Wie konnte das geschehen? Deutschland 1933 – 1945, Ffm. 2025
Benjamin, Walter: Über den Begriff der Geschichte, in: Ders.: Gesammelte Schriften. Band I, 2, Ffm1974.
Der Nationalsozialismus. Dokumente 1923-1945. Herausgegeben und kommentiert von Walter Hofer, 1957.
Faschismus und Kapitalismus. Theorien über die sozialen Ursprünge und die Funktion des Faschismus. Hrsg. v., Wolfgang Abendroth. Eingeleitet von Rüdiger Griepenburg, Jörg Kammlöer und Kurt Klien, Ffm. 1974.
Gaßmann, Bodo: Das Elend mit der Religion. Die Gefahr durch den religiösen Irrationalismus, Garbsen 2026.
Gaßmann, Bodo: Kritische Anmerkungen zu Hannah Arendt. Phänomenologische Pseudokonkretheit, reaktionäre Ideologie und ethischer Nihilismus, Garbsen 20232.
Grebing, Helga: Geschichte der deutschen Arbeiterbewegung, München 1974.
Marx-Engels-Werke, Berlin 1966 ff. Marx, Karl: Das Kapital I (K I); Das Kapital III (K III).
Plack, Arno (Hrsg.): Der Mythos vom Aggressionstrieb, München 1973.
Sohn-Rethel, Alfred: Ökonomie und Klassenstruktur des deutschen Faschismus. Vorwort von Johannes Agnoli, Bernhard Blanke, Niels Kadritzke, Ffm. 1773.
Studien über Autorität und Familie. Forschungsberichte aus dem Institut für Sozialforschung, hrsg. v. Max Horkheimer, Erich Fromm, Herbert Marcuse u. a., Lüneburg 1987 (Reprint der Ausgabe Paris 1936)

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